Fascial Manipulation. Practical part. First level
45,00 €
Beschreibung
Titel: „Fascial Manipulation. Practical part. First level“
Autoren: Luigi Stecco, Antonio Stecco
ISBN: 978-88-299-29269-3
Erscheinungsdatum: Juli 2018
Buchumschlag: Softcover
Seitenzahl: 310
Ein Praxisbuch mit einer detaillierten Beschreibung der Punkte für die erste Ausbildungsstufe (Level I), d. h. die Centers of Coordination (CC).
Ein zusätzlicher Mehrwert ist der Zugang zu einer App für Android oder iOS (das Buch enthält einen einzigartigen Code zur Aktivierung des Programms).
Das Geleitwort
Willkommen in einem spannenden neuen Feld der muskuloskelettalen Therapie: der faszinierenden Welt der Faszien. Faszien bilden ein kontinuierliches Spannungsnetzwerk im gesamten menschlichen Körper, das jedes einzelne Organ, jeden Muskel und sogar jeden Nerv oder jede winzige Muskelfaser umhüllt und verbindet. Nach mehreren Jahrzehnten starker Vernachlässigung hat sich dieses allgegenwärtige Gewebe vom „Aschenputtel der orthopädischen Wissenschaft“ zu einer fast schon superstarähnlichen Position innerhalb der medizinischen Forschung gewandelt. Seit den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ist die Zahl der Forschungsarbeiten über Faszien in Fachzeitschriften mit Peer-Review fast exponentiell gestiegen. Der 1. Internationale Faszien-Forschungskongress, der im Oktober 2007 an der Harvard Medical School stattfand, wurde mit weltweiter Anerkennung gefeiert. Ähnlich wie auf dem schnell wachsenden Gebiet der Gliaforschung in der Neurologie gibt es heute eine weltweite Erkenntnis, dass dieses unterschätzte Kontextgewebe eine viel wichtigere Rolle für Gesundheit und Pathologie spielt, als in den vorangegangenen Jahrzehnten angenommen wurde.
Wie jeder Medizinstudent weiß und jeder Arzt sich noch erinnert, wurden Faszien in Anatomie-Präparierkursen bisher als das weiße „Verpackungsmaterial“ eingeführt, das man zuerst entfernen muss, um „etwas zu sehen“. Ebenso haben Anatomiebücher miteinander gewetteifert, wie sauber und ordentlich sie den Bewegungsapparat darstellen, indem sie die weißliche oder halbtransparente Faszie so vollständig und geschickt wie möglich weggeschnitten haben. Während Studenten diese ansprechenden grafischen Vereinfachungen mit glänzend roten Muskeln schätzen, die jeweils an spezifischen Skelettpunkten ansetzen, ist Frustration vorprogrammiert, wenn diese vereinfachten Karten fast nichts damit zu tun haben, wie sich der reale Körper anfühlt und verhält – sei es in der Chirurgie oder bei der therapeutischen Palpation.
Muskeln übertragen ihre volle Kraft fast nie direkt über Sehnen in das Skelett, wie es unsere Lehrbuchzeichnungen meist suggerieren. Sie verteilen vielmehr einen großen Teil ihrer kontraktilen oder Spannungskräfte auf Faszienschichten. Diese Schichten übertragen diese Kräfte sowohl auf synergistische als auch auf antagonistische Muskeln. Dadurch versteifen sie nicht nur das jeweilige Gelenk, sondern können sogar Regionen beeinflussen, die mehrere Gelenke weiter entfernt liegen. Wenn wir uns die beiden kräftigen Muskeln Gluteus maximus und Tensor fasciae latae genau ansehen, so setzen beide in die dichte Faszienschicht an der Außenseite des Oberschenkels ein, den sogenannten Tractus iliotibialis. Dieses Gewebe ist Teil der Faszienhülle des Oberschenkels, der Fascia lata, deren Spannung nicht nur die Steifigkeit der lateralen Hamstrings und des Quadrizeps beeinflusst, sondern auch das Verhalten des Kniegelenks und des gesamten Unterschenkels stark beeinflusst.
Die in muskuloskelettalen Lehrbüchern diskutierten einfachen Fragen, „welche Muskeln“ an einer bestimmten Bewegung beteiligt sind, werden damit fast hinfällig. Muskeln sind keine funktionellen Einheiten, egal wie verbreitet dieses Missverständnis auch sein mag. Vielmehr werden die meisten Muskelbewegungen von vielen einzelnen motorischen Einheiten erzeugt, die über Teile eines Muskels sowie über Teile anderer Muskeln verteilt sind. Die Spannungskräfte dieser motorischen Einheiten werden dann auf ein komplexes Netzwerk aus Faszienschichten, Beuteln und Strängen übertragen, die sie in die endgültige Körperbewegung umwandeln. In wie viele „Muskeln“ jeder von ihnen durch unsere historischen Lehrbuchautoritäten unterteilt wurde, hing mehr oder weniger von deren manuellem Geschick mit dem Seziermesser ab. Ihre Unterscheidungen haben wenig mit der Frage zu tun, welche Bewegungen diese Strukturen ausführen können.
Ebenso wurde gezeigt, dass die Steifigkeit und Elastizität der Faszien bei vielen ballistischen Bewegungen des menschlichen Körpers eine wichtige Rolle spielen. Zuerst durch Studien am Wadengewebe von Kängurus, Antilopen und später Pferden entdeckt, haben moderne Ultraschalluntersuchungen enthüllt, dass der elastische Rückstoß der Faszien tatsächlich eine ähnlich beeindruckende Rolle bei vielen unserer menschlichen Bewegungen spielt. Wie weit man einen Stein werfen, wie hoch man springen oder wie lange man laufen kann, hängt nicht nur von der Kontraktion der Muskelfasern ab; es hängt zu einem großen Teil davon ab, wie gut die elastischen Rückstoßeigenschaften des Fasziennetzes diese Bewegungen unterstützen.
Wenn die Architektur unseres Fasziennetzes tatsächlich ein so wichtiger Faktor für das muskuloskelettale Verhalten ist, drängt sich die Frage auf, warum dieses Gewebe so lange übersehen wurde. Hierfür gibt es mehrere Antworten. Ein Aspekt hat mit der Entwicklung neuer Bildgebungs- und Forschungswerkzeuge zu tun, die es uns heute ermöglichen, dieses Gewebe in vivo zu untersuchen. Ein anderer Grund ist das Ausmaß, in dem sich dieses Gewebe der klassischen Methode der anatomischen Forschung widersetzt: der Aufteilung von etwas in separate Teile, die gezählt und benannt werden können. Man kann die Anzahl der Knochen oder Muskeln einigermaßen abschätzen; doch jeder Versuch, die Anzahl der Faszien im Körper zu zählen, wird vergeblich sein. Der Faszienkörper ist ein großes, vernetztes Organ mit vielen Beuteln, hunderten von seilartigen lokalen Verdichtungen und tausenden von Taschen in Taschen, die alle durch stabile Septen sowie durch lockere Bindegewebsschichten miteinander verbunden sind.
Diese „Nicht-Greifbarkeit“ der Faszie spiegelt sich auch in der Verwendung vieler verschiedener Terminologien in der Literatur wider, die beschreiben, welche Gewebetypen genau unter dem Begriff „Faszie“ zusammengefasst werden. Ob das dünne intramuskuläre Endomysium oder die oberflächliche Faszie als Faszie (oder eher als lockeres Bindegewebe) betrachtet werden kann, oder ob nur dichte, unregelmäßige Bindegewebsschichten einbezogen werden sollten, scheint von der individuellen Perspektive des jeweiligen Autors abzuhängen. Lassen Sie mich Ihnen daher die neu vorgeschlagene Definition von Faszie vorstellen, die auf dem ersten Faszien-Forschungskongress präsentiert wurde. Der Begriff „Faszie“ beschreibt hier die Weichteilkomponente des Bindegewebssystems, die den menschlichen Körper durchdringt. Dies schließt nicht nur dichte, flächige Gewebeschichten ein (wie Septen, Gelenkkapseln, Aponeurosen, Organkapseln oder Retinacula), die auch als „eigentliche Faszien“ bezeichnet werden können, sondern es umfasst auch lokale Verdichtungen dieses Netzwerks in Form von Bändern und Sehnen. Darüber hinaus schließt es weichere kollagene Bindegewebe wie die oberflächliche Faszie oder die innerste intramuskuläre Schicht des Endomysiums ein.
Auch wenn nicht jeder mit dieser neuen Terminologie glücklich sein wird, bietet sie viele wichtige Vorteile für das Fachgebiet. Anstatt – meist willkürliche – Trennungslinien zwischen Gelenkkapseln und den eng damit verbundenen Bändern und Sehnen (sowie verbundenen Aponeurosen, Retinacula und intramuskulären Faszien) ziehen zu müssen, werden Fasziengewebe als ein zusammenhängendes Spannungsnetzwerk gesehen, das seine Faseranordnung und Dichte an die lokalen Spannungsanforderungen anpasst. Diese Terminologie passt hervorragend zur lateinischen Wurzel des Begriffs „Fascia“ (Bündel, Verband, Gurt, Vereinigung, Zusammenbinden) und ist gleichbedeutend mit dem Laienverständnis des Begriffs „Bindegewebe“ (im Gegensatz zu Medizinern und Biologen, die Knorpel, Knochen und sogar Blut zum Bindegewebe zählen).
Das dynamische Feld der Faszienforschung, zu dem die Autoren dieses Buches wesentlich beitragen, hat auf verschiedene Weise gezeigt, dass Faszien viel „lebendiger“ sind, als bisher angenommen wurde. Lebendigkeit hat hier mindestens zwei Aspekte. Der eine ist die Fähigkeit zur aktiven Kontraktion, wie Laborarbeiten mit Ratten- und Menschenfaszien durch unsere Gruppe (Fascia Research Project, Universität Ulm, Deutschland) und die Gruppe um Ian Naylor (Bradford University, U.K.) gezeigt haben. Der andere Aspekt ist ihre Qualität als Sinnesorgan. Es wurde nachgewiesen, dass Faszien dicht mit vielen sensorischen Nervenendigungen innerviert sind, einschließlich Mechanorezeptoren und Nozizeptoren, die zur Quelle für akute myofasziale Schmerzsyndrome werden können. Faszien sind, wenn man sie im weiteren Sinne der oben beschriebenen Definition versteht, eines unserer reichhaltigsten Sinnesorgane. Sie sind mit Sicherheit unser wichtigstes Organ für die Propriozeption und für unser „Gefühl der Verkörperung“.
Die Familie Stecco, von der zwei die Autoren dieses Buches sind, ist zu einer treibenden Kraft in diesem neuen Bereich geworden. Ihr erstes Buch „Fascial Manipulation for Musculoskeletal Pain“ (Piccin, 2004) erregte bereits weltweit Aufmerksamkeit und wurde schnell von einem Myofaszialtherapeuten und Bodywork-Instruktor zum nächsten weitergereicht. Es war daher keine große Überraschung, dass ihre Präsentation auf dem Harvard Faszien-Kongress 2007 mit einem Sonderpreis für ihre wissenschaftliche Qualität und Tiefe der Implikationen geehrt wurde. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieses neue Buch, das nicht nur die Theorie und anatomischen Details des ersten Buches vertieft, sondern auch eine präzise Beschreibung ihrer therapeutischen Technik liefert, einen großen Einfluss auf das gesamte Feld der manuellen Therapie haben wird.
Die Autoren präsentieren ein neuartiges Modell bezüglich des Beitrags der Faszien zur neuromuskulären Koordination durch eine spezifische Topographie von Zentren innerhalb des Fasziennetzwerks (Koordinationszentren, Wahrnehmungszentren und Fusionszentren). Obwohl dies ein völlig neues Modell ist, wird es in einer sehr überzeugenden Weise präsentiert. Die Beweise, die in diesem Buch zur Unterstützung dieses faszinierenden Modells angeführt werden, umfassen nicht nur bestätigende phylogenetische und neurophysiologische Details, sondern beinhalten tausende Stunden anatomischer Leichenforschung, die vom ursprünglichen Begründer dieses Ansatzes, Luigi Stecco, sowie seiner Tochter Dr. Carla Stecco und seinem Sohn Dr. Antonio Stecco durchgeführt wurden. Ihre gewissenhaften Leichenstudien haben zu mehreren neuen anatomischen Entdeckungen und Beschreibungen geführt, die in wissenschaftlichen Anatomie-Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht wurden. Jeder, der die neu erscheinenden Publikationen über Faszien in der wissenschaftlichen Literatur der letzten Jahre verfolgt hat, wird diese wichtigen Beiträge bemerkt haben. Dieses Familienteam hat die Morphologie und Topographie der Faszien im Detail studiert, was nicht nur beeindruckend ist, sondern auch zu den neuartigen Beschreibungen und Erkenntnissen führte, die das in diesem Buch vorgestellte neue Modell für die neurofasziale Koordination stützen.
Während diese Ergebnisse ihrer Arbeit große Glaubwürdigkeit verleihen, wird weitere Forschung nötig sein, um die wissenschaftliche Gemeinschaft von der vollen Gültigkeit dieses neuen Konzepts zu überzeugen. Was auch immer die kommenden Jahre bringen werden, sei es zur Unterstützung oder zur Erweiterung der spezifischen Vorhersagen in diesem historischen Buch – es werden spannende Jahre werden. Die Beiträge der Familie Stecco sowie mehrerer anderer von Faszien inspierter Gruppen für die weltweite Gemeinschaft haben bereits einige der weltweit führenden Experten für muskuloskelettale Medizin dazu motiviert, selbst in das Feld der Faszienforschung einzusteigen. Zum Beispiel begann Prof. Siegfried Mense, Experte für Muskelschmerz von der Universität Heidelberg, kürzlich damit, die Lendenfaszie in seine Innervations- und Nozizeptionsstudien einzubeziehen und fand bereits einige „sehr interessante Details“, die er bald veröffentlichen wird. Ebenso nutzt Dr. Helene Langevin, renommierte Akupunkturforscherin in Vermont, derzeit Ultraschall, um die Faszienmorphologie bei chronischen Rückenschmerzen mit gesunden Menschen zu vergleichen.
Einer der Schätze dieses Buches ist die große Anzahl an Fotos von Präparaten, die topographische Anatomiedetails der Faszien zeigen. Diese sind extrem gut gelungen und zeigen einige lokale Eigenschaften, die noch nie in solchem Detail beschrieben wurden. Dennoch möchte ich Sie daran erinnern, dass diese Bilder, so schön sie auch sind, einen viel trockeneren Körper zeigen als den, in dem Sie leben und den Sie bei Ihren Patienten berühren. Bitte behalten Sie die Flüssigkeitsdynamik des lebenden Körpers im Gedächis und in Ihrer Berührung, wenn Sie sich von diesem Buch den Eigenschaften der Faszien bei einer echten lebenden Person zuwenden. Faszien in lebenden Körpern sind viel rutschiger und feuchter, als man es sich vorstellen mag.
Wenn Sie ein Anfänger auf dem Gebiet der Physiotherapie (oder Orthopädie, Rehabilitation, Bewegungstherapie usw.) sind, stellen Sie sich darauf ein, dass dies kein Buch ist, das man beim Fernsehen leicht überfliegt. Es ist eine Goldmine an konzentrierten Informationen. Wenn Sie versehentlich einen Satz überspringen, kann es leicht passieren, dass Ihnen diese Information später fehlt, wenn Sie versuchen, die Logik der folgenden Seiten zu verstehen, da es in diesem Buch nicht viel Redundanz gibt. Dennoch gebe ich Ihnen mein Wort, dass selbst die meisten Experten auf diesem Gebiet dieses Buch mit immenser Begeisterung und im Zustand freudiger Entdeckung lesen werden. Während andere Bücher über Faszien aus verschiedenen Blickwinkeln geschrieben wurden, setzt dieses hier eindeutig einen neuen Standard. Meine Glückwünsche an die Autoren für die Fertigstellung des wertvollsten und reichhaltigsten Buches, das je über Fascial Manipulation veröffentlicht wurde; und auch an Sie, lieber Leser, dass Sie genau dieses Buch gewählt haben, um mehr über ein wahrhaft faszinierendes Gewebe und seine Manipulation zu erfahren.
Robert Schleip PhD,
Leiter, Fascia Research Project Universität Ulm, Deutschland








